Die Lehre in Zeiten von Corona

28.03.2020 in Jura & Lehre | 2 Kommentare

Dezember 2019

Die chinesischen Behörden registrieren erste Infektionen mit einer unbekannten Lungenerkrankung. Als Ursprungsort wird ein großer Markt in der Millionenstadt Wuhan ausgemacht, wo neben Fleisch aus herkömmlicher Landwirtschaft, lebenden Tieren und Fischen auch Wildtiere verkauft werden.

Die Version 0.7 meines Konzepts „Möglichkeiten digitaler Unterstützung der Lehre an der Fachhochschule für Rechtspflege NRW“ geht in eine weitere Abstimmungsrunde. Einer der umstrittenen Punkte sind meine Vorschläge zur Gestaltung von Distanzlehre und Online-Seminaren. 

Donnerstag, 09.01.2020

Chinesische Experten identifizieren den Erreger als das neuartige Coronavirus.

Dienstag, 28.01.2020

Der erste Corona-Fall in Deutschland: ein Mann aus dem Landkreis Starnberg in Bayern hat sich infiziert. 

Dienstag, 18.02.2020

Mein Konzept zur digitalen Lehre wird in der Version 1.1 nach einem sieben Monate währenden Abstimmungsprozess verabschiedet. Ein historischer Tag.

Aschermittwoch, 26.02.2020

Der erste bestätigte Corona-Fall in Nordrhein-Westfalen wird nachgewiesen: ein Mann aus dem Kreis Heinsberg; seine Ehefrau weist ebenfalls Symptome auf. 

Nach dem Karnevalswochenende wird der Lehrbetrieb an unserer Hochschule wieder aufgenommen. 

Freitag, 28.02.2020

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stuft in ihren Berichten das Gesundheitsrisiko auf globaler Ebene als „sehr hoch“ ein.

Donnerstag, 05.03.2020

In der Stadt Bad Münstereifel gibt es den ersten bestätigten Coronavirus-Infizierten.

Meine Partnerin und ich besuchen das Schauspielhaus Bonn; Heinrich von Kleists „Die Marquise von O.“. Interessante Inszenierung; mir gefällt’s, ihr nicht.

Montag, 09.03.2020

Einzelne Schulen in Deutschland schließen wegen des Coronavirus. Eine großflächige bundesweite Maßnahme wird kontrovers diskutiert.

Mittwoch, 11.03.2020

Die WHO erklärt die bisherige Epidemie offiziell zu einer Pandemie. 

Im Vorstand der Bundesarbeitsgemeinschaft Digitale Lehre (BAG) diskutieren wir, wie wir einer eventuellen drastischen Nachfrage nach Online-Seminar-Plätzen begegnen können. Da die vorhandenen Kapazitäten nicht ausreichen werden, sollen die Hochschulen jeweils eigene Kontingente dazu buchen. Unser Provider signalisiert kurzfristig umsetzbare Lösungen bei fairen Konditionen. 

Donnerstag, 12.03.2020

Alle Lehrenden werden in einer Aula-Veranstaltung über eine mögliche Schließung der Hochschule informiert.

Freitag, 13.03.2020

Der Provider legt mir ein erstes Angebot für ein kurzfristig einzurichtendes Online-Seminarsystem vor.

Abends beim Lieblingsspanier um die Ecke. Tapas und Rotwein. Das letzte Mal für lange… wissen wir da aber noch nicht.

Samstag, 14.03.2020

Die Hochschulleitung gibt bekannt, dass die Studien- und Lehrgänge „von einer Präsenzlehre zu digitalen Lehr- und Lernmethoden wechseln“. Ich reiche das Angebot zum Online-Seminarsystem an die Hochschulleitung weiter. 

Sonntag, 15.03.2020

Die Hochschulleitung gibt grünes Licht für die umgehende Beschaffung des Online-Seminarsystems.

Die Bestellung von 300 Online-Seminar-Plätzen geht an den Provider.

Montag, 16.03.2020

Ich organisiere erste Schnupper-Seminare für das Kollegium über die Plattform der BAG. Einige experimentieren bereits mit kostenfreien Alternativsystemen.

Dienstag, 17.03.2020

Unsere drei virtuellen Räume mit insgesamt 300 Plätzen sind verfügbar. Ich registriere alle Lehrenden als Online-Moderatoren.

Mittwoch, 18.03.2020

Die Ausbildungs-Seminare für die Lehrenden werden gut angenommen. 

Donnerstag, 19.03.2020

Ich biete auch Online-Seminare zur Lernplattform für Einsteiger und Fortgeschrittene an, die ebenfalls gut besucht werden. Auf der Lernplattform werden Online-Foren eingerichtet. Die Idee ist, dort künftig alle Fragen, die nicht bereits in einem Online-Seminar geklärt werden können, zu beantworten.

Freitag, 20.03.2020

Letztes Online-Seminar der Woche im Kreise des Kollegiums. Erfahrungsaustausch. Gespannte Erwartungen an die kommende Woche: geplant sind 30 Online-Seminare in vier Studiengängen mit 35, 70 und 190 Studierenden je virtuellem Raum. 

Samstag, 21.03.2020

Kein Toilettenpapier, nicht bei Aldi, nicht bei DM, nicht bei Edeka und auch nicht bei Rewe. Ich recherchiere im Internet bei Amazon und Co. und bestelle schließlich 72 Rollen zu akzeptablen Konditionen online. 

Ich werfe einen Blick in die virtuellen Räume, die den Kolleg*innen über’s Wochenende als Übungsräume zur Verfügung stehen und treffe die ein oder andere Gruppe, die sich mit Mediathek, Präsentationsfolien und Whiteboard beschäftigt. 

Sonntag. 22.03.2020

Bund und Länder beschließen ein deutschlandweites Kontaktverbot. 

Abends. Auf dem Ersten der Tatort aus Köln. Plötzlich WhatsApp-Alarm: Kollegen fragen, warum alle fünf Minuten Mails mit neuen Online-Seminar-Kennungen eingehen. Anruf beim Provider: der überlastete Mailserver läuft Amok. Man kümmert sich. Um 01:08 Uhr ist der Spuk vorbei. Nachtruhe. Endlich.

Montag, 23.03.2020

11:40 Uhr. Das erste Online-Seminar an der Fachhochschule für Rechtspflege Nordrhein-Westfalen im Studiengang der Amtsanwälte. Nach anfänglicher Skepsis der Lehrenden und den üblichen ersten Zugangsschwierigkeiten läuft’s. Screensharing gefällt allen besonders gut.

Dienstag, 24.03.2020

11:40 Uhr. Großes Familienrechts-Seminar mit 190 Studierenden online. Niemand fehlt. Strafrecht, Verwaltungssachen im mittleren Dienst mit 70 Auszubildenden. Die Online-Seminar-Maschine brummt. Mittags jedoch nur sehr ruckelig. Meldung an den Provider.

Im Online-Forum zum Familienrecht werden die ersten Fragen gestellt.

Mittwoch, 25.03.2020

Heutiges Online-Seminar-Programm: Doppel-Pack Kostenrecht im Studium 1 Rechtspflege, Familienrecht, Nachlassrecht und öffentliches Dienstrecht im mittleren Dienst, Strafrecht im Studiengang der Amtsanwälte. Nach vornächtlicher Serveroptimierung durch den Provider läuft heute alles störungsfrei. Die Lehrenden grooven sich spürbar in die Online-Lehre ein.

Donnerstag, 26.03.2020

Doppel-Pack Familienrecht im Studium 1 Rechtspflege, BWL und Kriminologie im Studium 2 Strafvollzug, Familienrecht und Zivilprozessrecht im mittleren Dienst, Strafprozessordnung im Studiengang der Amtsanwälte. 

Nachmittags gebe ich für Studium 1 Rechtspflege ein Online-Seminar “Präsentations- und Vortragstechnik” vor 150 interessierten Teilnehmer*innen, die sich damit auf ihre Fachreferate vorbereiten. Am Schluss eine Reihe von Fragen dazu, wie sie ihre Referate als Videos erstellen und auf die Plattform hochladen können.

Freitag, 27.03.2020

Allgemeines Bürgerliches Recht (ABR) im Studium 1 Rechtspflege, Doppel-Pack Kriminologie im Studium 2 Strafvollzug, Nachlassrecht und Strafrecht im mittleren Dienst, Strafrecht und Strafprozessordnung im Studiengang der Amtsanwälte. Alle virtuellen Seminarräume ausgebucht. 

Ich selbst lausche dem interessanten Vortrag der lieben Kollegin, während ich mein spätes Frühstück einnehme. Auch eine Premiere: Kaffee mit Milch und einem Schuss Kriminologie. 

Die Online-Umfragen in ABR kommen bei den Studierenden sehr gut an. Auch die auf der Lernplattform von den Dozenten bereit gestellten Lernvideos. 

Damit endet unsere zweite Woche ohne Präsenzlehre. Ein spannender und vielversprechender Anfang der digital unterstützten Lehre an der Fachhochschule für Rechtspflege in Nordrhein-Westfalen.

Unsere Welt hat sich schnell verändert…

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Bilder:
Banner: Image by Wokandapix from Pixabay
Virus: Image by PIRO4D from Pixabay
Bad Münstereifel: Image by Thomas B. from Pixabay
Online-Seminarsystem YuLinc: Image by Netucate
Toilettenpapier: Image by Mylene2401 from Pixabay
ILIAS/Online-Lehre: Image by Pixabay / Andreas Dormann
Frühstück mit Kriminologie-Seminar: Image by Andreas Dormann

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