CyberContacts

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31.10.2013 in Media & More

Eine Kurzgeschichte zu Halloween

I.

Sie freute sich schon auf heute Abend und diese Vorfreude zeichnete ein fast unsichtbares Lächeln in ihr hübsches Gesicht. Peter, ihr Kollege, mit dem sie ein Büro teilte und der ihr gegenüber an seinem Schreibtisch saß, blickte überrascht von seinem Monitor zu ihr herüber. „Nanu, so gut gelaunt?“, fragte er mit seiner angenehm warmen Stimme, die sie so mochte. „Hmmm“, antwortete sie kurz, heftete ihren Blick aber fest auf die Zahlenreihen der Bilanz, die sie gerade prüfte. Ihr Privatleben war eine Sache, die Peter nichts anging. Erst recht nicht die Tatsache, dass sie heute Abend ein Date hatte. Wieder mit ihm. Das dritte Mal. Sie fühlte, dass sich heute etwas verändern würde zwischen ihnen.

Seit zwei Jahren war sie Single. Dramatische Trennung, Schuldgefühle, Depressionen, Sinnkrise. All‘ das lag endlich lange genug hinter ihr. Sie war bereit für einen Neuanfang. Vielleicht mit ihm.

Auf dem Heimweg kaufte sie noch ein. Schließlich hatte sie ein langes Wochenende vor sich, denn Allerheiligen fiel in diesem Jahr auf einen Freitag. Für den heutigen Donnerstagabend, den Halloween-Abend, hatten sie sich verabredet. Er hatte Andeutungen gemacht, sie heute zu überraschen. Nachdem sie ihre Einkäufe verräumt und es sich mit einem Earl Grey und ihrer Lieblingswolldecke auf dem Sofa bequem gemacht hatte, blickte sie auf die Uhr: es war Sieben. Noch eine Stunde. Eigentlich sollte sie jetzt noch etwas essen, aber sie war einfach zu aufgeregt.

Sie schaltete ihr MacBook ein und checkte ihre Mails. Nichts besonderes. Wie immer. Nein, das stimmte nicht. Vor ein paar Wochen hatte sie eine Werbemail von einem Unternehmen namens CyberContacts erhalten. Diese Mail war besonders. Und sie hat ihr Leben verändert. Sie hatte sofort das Abo abgeschlossen und nur wenige Tage später bereits ihren Zentai bekommen.

Halb acht. Sie duschte und wusch sich dabei gründlich mit der Spezialseife. Für die optimale Sensibilisierung und ein größtmögliches Realitätsempfinden, hieß es in der Anleitung. Sie stieg aus der Dusche, trocknete sich ab und schlängelte sich in den Zentai, bis nur noch ihr Kopf unbedeckt war. Diese hochtechnisierte spezielle Mikrofaser fühlte sich sehr weich an, fand sie, viel weicher als Samt.

Sie ging ins Wohnzimmer, setzte sich sich an ihren Computer und startete das Programm. Es war Zeit. Nun folgte der Teil, der sie noch immer etwas Überwindung kostete: das Aufsetzen der Kopfmaske. Sie war aus demselben Material gearbeitet wie der Anzug, war aber trotz seiner Atmungsaktivität für Licht absolut undurchdringlich. Sie wusste, dass dies wichtig war für eine perfekte Illusion. Sobald sich das Programm mit den Nanosensoren des Anzugs verbunden hätte, würden diese die Kontrolle über ihre Wahrnehmung übernehmen. Dann würde sie wieder sehen können.

Sie blickte an sich hinunter. An ihrem virtuellen Ich hatte sie mit viel Hingabe gearbeitet und sorgfältig darauf geachtet, nicht allzu sehr von ihrer realen Erscheinung abzuweichen. Nur ein paar kleine Verbesserungen hier und da, um ihre unbestrittene wirkliche Attraktivität etwas zu betonen, wie sie fand. Aus Ihrem online begehbaren Kleiderschrank wählte sie heute ein dezent blumig-gemustertes Kleid in Schwarz-Grün-Tönen und schwarze Schuhe mit hohen, aber nicht zu hohen Absätzen. Dazu eine passende grüne Strickjacke, die sie sich über den Arm legte. Ihre schwarze Handtasche hängte sie sich um. Sie betrachtete sich im Spiegel und war zufrieden.

II.

Es war Punkt Acht, als sie das Café betrat. Es war ihr vereinbarter Treffpunkt in der künstlichen Cyberwelt. Er war schon da und saß lässig, die Beine übereinander geschlagen, an dem kleinen Bistrotisch am Fenster. Die ganze Szene um ihn herum wurde von der schon tief stehenden Abendsonne in ein leuchtendes Gelb-Orange getaucht. In den Spitzen seiner kurzen Haare schienen die Farben förmlich zu glühen. Er war nicht im eigentlichen Sinne schön, gehobener Durchschnitt. Er wirkte sehr gepflegt und hatte eine sportliche Figur. Aber vor allem seine charmante Ausstrahlung war es, die sie von Anfang an sehr in ihren Bann gezogen hatte. Sie bekam Herzklopfen.

Er erhob sich mit einer leichten geschmeidigen Drehung in ihre Richtung und empfing sie mit ausgestreckten Armen. „Guten Abend, Eva!“ „Guten Abend, Jonas!“ Sie ging auf ihn zu und er küsste sie flüchtig auf beide Wangen. Er trat einen Schritt zurück und lächelte sie an. „Lass‘ uns gleich aufbrechen, ok?“ Sie war etwas irritiert und fragte: „Aufbrechen? Wohin?“ „Na, ich hatte Dir doch versprochen, Dich heute Abend zu überraschen. Tja, lass‘ mal sehen…“ Er blickte an ihr hinab und nickte wohlwollend. „Ja, das passt! Aber die Jacke wirst Du nicht brauchen.“ „Ich habe wohl keine Chance, zu erfahren, was Du jetzt vorhast?“ fragte sie und merkte, dass eine gewisse Unsicherheit in ihrer Stimme mitschwang. „Dann wär’s wohl keine Überraschung, meine Liebe. Aber vertrau‘ mir! Es wird Dir gefallen.“ Er legte seinen Arm um sie und lenkte sie sanft durch die Tür des Cafés ins Freie. Sie fröstelte und war sich nicht sicher, ob es an der kühlen Luft lag. Ja, es war kühl, kühler als das Sonnenlicht hatte vermuten lassen. Es würde sehr bald Herbst werden. Wie in der richtigen Welt.

Kaum hatte er auf seinem Smartphone – auch er besaß eines von CyberContacts – eine vierstellige Ziffernfolge eingetippt, fuhr ein Taxi vor. „Bitte nach Dir“, sagte er, während er ihr die hintere Wagentür öffnete. Sie stieg ein und rutschte auf der Rückbank durch, so dass er sich neben sie setzen und die Tür schließen konnte. Den Fahrer, einen südeuropäisch aussehenden älteren Mann, instruierte er: „Nach Carvoeiro, Portugal, bitte!“ Nun war sie wirklich überrascht. „Portugal! Wie viele Kilometer sind es bis Portugal? Das ist doch viel zu weit!“, rief sie erstaunt. „Was sind zweieinhalbtausend Kilometer im virtuellen Raum, Eva? Nichts! Sobald unsere Programme die Geo- und Illusionsdaten des Zielortes vollständig herunter geladen haben, wird das Taxi anhalten und wir sind da. Ich schätze, das dauert keine drei Minuten.“, erklärte er. Sie war sprachlos. An solche Möglichkeiten hatte sie noch gar nicht gedacht. Aber sie war ja auch erst wenige Male online gewesen.

Eine wunderbar warme, würzige Luft wehte vom Meer herüber. Der regelmäßige Rhythmus der Brandung beruhigte sie ein wenig. Warum war sie überhaupt nervös? Er hatte sie in ein vornehmes Restaurant geführt. Es lag auf dem höchsten Punkt des Ortes, auf einem Hügel, umgeben von zahlreichen weiß getünchten kleinen Villen. Sie standen, Hand in Hand, auf der Dachterrasse und blickten auf das sanft wogende Meer, das ihnen einen schier unendlichen Horizont bot. Darüber winzige weiße Wölkchen wie hingetupft auf einer blauen Himmelsleinwand. Der Anblick war atemberaubend. Und sie spürte, wie er neben ihr diesen Moment genoss.

Doch sie war mit einem Male in einer ganz anderen Stimmung und konnte nicht genau sagen, warum. Sie hatte sich so sehr auf diesen Abend gefreut. Auf ihn. Er war so liebenswürdig, so aufmerksam. Und diese Überraschung mit Portugal. So einfallsreich. Warum also musste sie ausgerechnet jetzt… sie suchte nach einem Wort für ihre Gefühle… Traurigkeit? Ja, das war es. Warum musste sie ausgerechnet jetzt traurig werden? Und allmählich dämmerte es ihr: Es war alles nicht echt! Im Gegenteil: alles war falsch! Ja, das war es. Mit einem falschen Mann an einem falschen Ort. Wie sollte man da das Richtige fühlen können? Mit dieser Erkenntnis kamen auch ihre Tränen.

„Bitte, nimm mich ganz fest in den Arm!“, bat sie ihn, wissend, dass dies nichts ändern würde. Er tat es. Und es tat weh. Seine Arme fühlten sich ganz hart an. Knochig. Durch einen Tränenschleier hindurch blickte sie in sein Gesicht und erschrak. Seine Haut begann sich aufzulösen. Wie flüssig werdendes Wachs. Ganze Hauttropfen bahnten sich ihren Weg von der Stirn über die Nase zum Kinn hinunter. Am Haaransatz wurde bereits der grauweiße Schädelknochen sichtbar. Sie schrie. Schrie und riss sich los von ihm. Das, was von seinem Gesicht noch übrig war, blickte sie in einem Augenblick noch liebevoll, im nächsten verständnislos und schließlich völlig hilflos an.

Sie rannte. Auf der Treppe, die von der Dachterrasse hinunter ins Innere des Restaurants führte, fiel sie hin. Ihre Handtasche entglitt ihr und polterte irgendwohin nach unten. Angsterfüllt blickte sie nach oben, als auch schon seine Schuhe auf der obersten Stufe in ihr Blickfeld gerieten. Er kam ihr nach! Den Schmerz in ihrem linken Knie ignorierend, rappelte sie sich auf und stolperte weiter, suchte den Boden nach ihrer Handtasche ab. Fand sie unter einem Stuhl. Hob sie auf. Und lief zwischen den Tischen hindurch Richtung Ausgang. Erst jetzt fiel ihr auf, dass das Restaurant menschenleer war. Bei ihrem Eintreffen – noch vor wenigen Minuten – war der ganze Raum von lebhaftem Gemurmel vieler gut gelaunter Gäste erfüllt gewesen. Wo waren die alle? War sie ganz allein mit ihm? Bitte nicht! Sie erreichte die Tür und trat ins Freie.

Sie zwang sich, während sie durch die Straßen lief, nachzudenken. Sie war in einer virtuellen Welt und erlebte hier einen Alptraum. Der nicht real war. Sie konnte doch jederzeit aussteigen, oder? Ihr Smartphone! Sie griff in ihre Handtasche. Oh, nein. Das Display war zersprungen. „Bitte, bitte lass‘ es ganz sein!“, flehte sie innerlich. Was war  die Wischgeste für die Beendigung der Online-Sitzung? Es war ein großes E wie Ende. Richtig? Sie hörte Schritte, nicht sehr weit hinter sich. Als sie mit ihrem zitternden Zeigefinger den letzten Querstrich des E zog, schnitt sie sich an dem gebrochenen Glas des Displays. Und im gleichen Moment spürte sie seine starke Hand auf ihrer rechten Schulter. Dann wurde es schwarz.

III.

Als sie am Montagmorgen das Büro betrat, saß Peter bereits an seinem Schreibtisch. Vor ihm sein allmorgendlicher Kaffee, der einen würzig-milden Röstduft verströmte. Sie mochte den Geruch, obwohl sie selbst keinen Kaffee trank. Er sah zu ihr auf. „Guten Morgen, Sabine!“, sagte er in einem Tonfall, der seltsam bedeutungsvoll klang und zu verraten schien, dass noch etwas folgen würde. „Guten Morgen, Peter!“ „Wie war Dein Halloween-Wochenende?“, fragte er. Zögernd antwortete sie: „Gar nicht gut. Ehrlich gesagt, ganz schrecklich!“ „Ich weiß.“, flüsterte er fast und sah sie dabei traurig an. „Portugal war keine gute Idee, was?“ Sie sah ihn völlig entgeistert an. „Du?“ Nun flüsterte auch sie. „Du bist Jonas?“ Er nickte kaum und wendete verlegen den Blick von ihr ab. Schweigen. „Und woher weißt Du, dass ich Eva bin?“, fragte sie schließlich. „Das ist nicht so schwer herauszufinden, wenn Du Dich ein wenig mit solchen Systemen auskennst.“ „Und warum ich?“ „Weil ich Dich schon lange fragen wollte, ob Du einmal einen Kaffee mit mir trinken gehen möchtest.“, erklärte er leise. „Ich trinke keinen Kaffee“, erwiderte sie und schaffte es, ihre Stimme leicht amüsiert klingen zu lassen, so wie es auch ihrer Absicht entsprach. Er schaute sie wieder an und sah sie lächeln, als sie sagte: „Aber Du darfst mich gerne zu einem Tee einladen! Am liebsten in ein richtiges Café. Zu einem richtig heißen Earl Grey.“

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