EDV-Gerichtstag 2010

EDV-Gerichtstag 2010

18.09.2010 in Jura & Lehre

Vom 15. bis 17. September fand in Saarbrücken der 19. EDV-Gerichtstag statt. Mit rund 650 Teilnehmern konnte die gastgebende Universität des Saarlandes einen neuen Besucherrekord verzeichnen.

Am Vorabend hatte die juris-GmbH zu ihrem schon traditionellen lockeren Empfang eingeladen, bei dem es reichlich Gelegenheit zum Fachsimpeln gab.

Eröffnet wurde der Kongress, eine Mischung aus Fachtagung mit Expertenrunden sowie einer öffentlichen Fachausstellung mit 50 Firmenständen, vom Saarbrücker Jura-Professor und Mitorganisator des EDV-Gerichtstags, Maximilian Herberger.

Der Präsident der Universität, Professor Volker Linneweber, warf die Frage auf, welches (nationale) Datenschutzrecht denn in einer weltweiten Cloud anzuwenden sei. Diese und andere Fragen verdeutlichten, wie mit jedem Fortschritt in der IT die Juristen stets vor neue Herausforderungen gestellt würden.

Der Dieter-Meurer-Förderpreis Rechtsinformatik wurde in diesem Jahr dem amerikanischen Universitätsprofessor Paul Ohm (Univerity of Colorado Law School) für dessen Lebenswerk verliehen. Ohm beschäftigt sich mit den Gebieten des Datenschutzes, der Computerkriminalität, des Geistigen Eigentums und des Strafverfahrensrechts. In einer exzellenten Rede in wunderbar breitem amerikanischen Englisch postulierte Ohm, dass Daten niemals sicher seien. Er schilderte seine eigenen und die Forschungsarbeiten anderer Wissenschaftler über anonymisierte Daten, mit denen die Justiz, aber auch Behörden regelmäßig umgehen und erläuterte, wie man unter Hinzunahme anderer Datenquellen geschützt geglaubte Identitäten wieder rekonstruieren kann. Sein Artikel „Broken Promises of Privacy: Responding to the Surprising Failure of Anonymization“ hierzu ist sehr lesenswert.

Beeindruckend – und in breitem Wienerisch vorgetragen – war der Eröffnungsvortrag des CIO der österreichischen Justiz, Dr. Martin Schneider, zur Umsetzung der E-Justice-Strategie in Österreich. Vom seit 20 Jahren geführten elektronischen Rechtsverkehr über ein neues elektronisches Datenbank-Grundbuch, umfassende E-Learning-Angebote für Justizbedienstete bis zur Realisierung service-orientierter Architekturen spannte er einen Bogen, der die Entwicklungen in der deutschen IT-Justiz-Welt ein wenig behäbig wirken lässt.

So konnte Schneider es sich auch nicht verkneifen, mit einem Augenzwinkern im Arbeitskreis „Elektronischer Rechtsverkehr“ nach einem NRW-Vortrag zur Vereinfachung von Zustellungen im Zivilverfahren seiner Freude Ausdruck zu verleihen, dass Deutschland auf einem guten Weg sei…

Mir selbst kam in den Sinn, dass wir noch viel zu sehr an der Welt, wie sie durch das Papier geprägt wurde, haften. Warum müssen wir eigentlich immer noch das Dokument zum Adressaten bewegen? Bewegen wir doch den Adressaten zum Dokument! Schaffen wir ein Dokumenten-Register (für Immobilien und Firmen und die mit ihnen verbundenen Rechte haben wir’s ja sogar schon). In dem könnten Urteile, Beschlüsse, Vollstreckungstitel aller Art abgelegt sein. Sie wären die ‚Urschriften‘ im Rechtsverkehr, die wir dem, der hiervon Kenntnis erlangen soll, mit personalisierten Zugangsdaten elektronisch zugänglich machen. Zustellung endlich anders: nämlich zeitgemäß!

In ihrem Vortrag „NeFa“: Auf dem Weg zum Justizarbeitsplatz der Zukunft stellten die Projektleiter der hessischen und niedersächsischen Justiz ihre gemeinsame Entwicklung einer zukunftsfähigen Justizsoftware auf Basis von Standardtechnologien (Microsoft Office und SharePoint) vor. Interessant finde ich den Ansatz, das ehrgeizige Vorhaben mit justizeigenen Entwicklerteams nach Methoden der Agilen Softwareentwicklung umzusetzen. Sehr erstaunlich, was uns hier bereits als Einblick nach nur drei Monaten Programmierung geboten werden konnte. Respekt!

Innovativ angelegt war (wieder einmal) der Vortrag der Projektgruppe „Ergonomie der elektronischen Akte“ (Über das Projekt habe ich in meinem Artikel „Kommt die elektronische Akte bald zur Justiz NRW?“ bereits berichtet.) In ihrem Labor am Amtsgericht Münster haben die NRW-Richter Michael Kersting und Carsten Schürger weiter experimentiert und den ersten Prototypen einer Benutzeroberfläche präsentiert, mit der ein Entscheider seinen Dezernats-Aktenbestand auf einen Blick erfassen kann. Dabei werden keine einfallslosen Listen verwendet, sondern verschieden große Aktensymbole, die anhand ihrer Anordnung in einer 2-dimensionalen Matrix Auskunft über deren Wichtigkeit und Fälligkeit geben (eine 3D-Version ist auch angedacht). Gut gefallen hat mir zudem die Einfachheit, mit der man zwischen den Ebenen Dezernat, Fall und Dokumente navigieren kann. Dass bereits der Prototyp auf einem iPad bedienbar ist und damit mobil im Gericht wie Zuhause genutzt werden kann, sollte schließlich viele Richter überzeugen, auch die ganz besonders unabhängigen…

Alles in Allem ein gelungener EDV-Gerichtstag, in dem natürlich auch Themen wie Barrierefreiheit, das rechtssichere Scannen von Dokumenten und die Sicherheit in sozialen Netzwerken, aber auch anregende Gespräche, neue Kontakte und ein Wiedersehen mit alten Bekannten in neuen Aufgabenbereichen nicht fehlten.

P.S.:
Das Programm des EDV-Gerichtstags 2010 finden Sie hier:
https://www.edvgt.de/pages/startseite/19.-deutscher-edv-gerichtstag/programm.php

Kurzzusammenfassungen aus den Arbeitskreisen des EDV-Gerichtstags gibt es hier:
http://lawgical.jura.uni-saarland.de/index.php?/plugin/tag/edv-gerichtstag

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  1. Prof. Dr. Peter Metzen, FHR NRW Bad Münstereifel - 22.09.2010

    Lieber Andreas,

    ich schließe mich den lobenden Worten des Herrn Sanio an, wenn ich mich Deinen IT-Träumen von einer „zeitgemäßen Zustellung“ des Adressaten zum Dokument spontan noch nicht anschließen kann.
    Überraschend interessant ist für mich die Information über die Verleihung des „Dieter-Meurer-Förderpreises Rechtsinformatik“. Immerhin erinnere ich mich noch sehr gut an die gemeinsamen Zeiten des (leider viel zu früh verstorbenen) Habilitanden Dr. Dieter Meurer und des Doktoranden Peter Metzen als „Schüler“ des berühmten Ordinarius Prof. Dr. mult. Richard Lange, des damaligen (70-iger Jahre) Direktors des Kriminalwissenschaftlichen Instituts der Universität zu Köln.

    Mit freundlichen kollegialen Grüßen

    Peter.

  2. Holger Sanio, Nds. MJ, Projektleiter "NeFa" - 19.09.2010

    Hallo Herr Dormann,

    vielen Dank für den spannenden Bericht über den diesjährigen EDV-Gerichtstag und Ihr freundliches Lob gegenüber dem Projekt „NeFa“. Wir haben in Saarbrücken das Release 0.1 gezeigt, das in drei agilen Sprint-Zyklen seit dem 7. Juni 2010 entstanden ist.

    Ich habe wieder einmal einen aufregenden EDV-Gerichtstag mit spannenden Diskussionen und innovativen Fragestellungen und insbesondere vielen positiven Gesprächen und Kontakten erlebt. Auch dieses Jahr war also Saarbrücken wieder einmal eine Reise wert.

    Viele Grüße aus Niedersachsen!

    Holger Sanio

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