Gestrandet

Gestrandet

 

Der Kübo-Krimi | Band 1

 

Hinweis

Die Handlungen und Personen dieses Kriminalromans sind frei erfunden.
Der wunderbare Ort ist es nicht.

Prolog

Ich will mit Dir ans Meer fahren
und Deine Stimme hören,
die als Echo
am Ufer zurückbleiben wird für lange.

Du wirst Muscheln sammeln
und Dein Haar ordnen,
in dem der Wind endet.

Ich will Deinen Übermut tanzen sehen
auf den Wellen
und dabei sein,
wenn Du den Abend mit Deinen Augen entzündest.

Walter Helmut Fritz

(gefunden auf der Speisekarte des Restaurants Vielmeer am Yachthafen von Kühlungsborn)

Kapitel 1

 

LARS

Eine leise Harfenmelodie spülte ihre sanften Wellen an sein Ohr, von weit, weit her. Lars Neumann brauchte eine ganze Weile, um die Musik als das Wecksignal seines Smartphones zu erkennen. Konnte das überhaupt sein? War es nicht noch stockfinstere Nacht? Durch die Vorhänge seines Schlafzimmers drang nicht ein einziges Lichtatom. Er erinnerte sich. Er war gerade umgezogen. Raus aus der Enge der Stadt in dieses luftige schöne Ostseebad. Kühlungsborn. Zugegeben: Heiligendamm oder Binz auf Rügen waren klangvollere Namen für Ostseebäder. Aber Kühlungsborn war reizvoller. In vielerlei Hinsicht. Und dunkler. Jedenfalls dunkler als seine letzte Stadtwohnung im Rostocker Norden. Deshalb war es auch nicht mehr Nacht. Und die Harfe erinnerte ihn zu Recht daran, dass sein Tag nun beginnen sollte. Um sechs Uhr dreißig am Montagmorgen. An einem wahrscheinlich wieder sehr eisigen Märztag. Viel zu kalt für einen Frühlingsanfang und viel zu stürmisch für seinen Geschmack.

Er rasierte sich. Nass. Sein Elektrorasierer war noch in irgendeinem Umzugskarton vergraben. Am nächsten Wochenende würde er endlich Ordnung in seine schöne neue Wohnung bringen. Das war er ihr schuldig. Er fluchte, als er sich mit dem billigen Einwegrasierer einen blutigen Schnitt in sein Kinn setzte. Eine tückische Stelle. Jedenfalls für eine Nassrasur. Er drehte seinen Kopf leicht nach links und betrachtete sein Gesicht im Halbprofil. Nicht übel für einen Einundfünfzigjährigen. Ein sympathischer Typ, der ihn da ansah. Ausgeschlafen. Gepflegte Kurzhaarfrisur, erstes Silbergrau an den Schläfen. Gut geschnittene Züge. Mit einem Kinn wie Cary Grant. Das gefiel ihm besonders. Aber offenbar nicht der Rasierklinge, die der Meinung zu sein schien, dass hier noch eine weitere markante Furche anzubringen wäre. Ob Cary Grant dieses Problem auch hatte? Er grinste. Und fluchte sofort, denn die Schnittwunde blutete nun stärker. Mit guter Laune ließ sich das hier nicht aus der Welt schaffen. Aber mit Rasierwasser, etwas Geduld und einem Taschentuch.

Es war nichts Ungewöhnliches daran, wenn sein Tag blutig anfing. Das kam in seinem Beruf ständig vor. Denn anders als Cary Grant war er nicht Schauspieler in Hollywood, sondern Kommissar der Kriminalpolizei Rostock.

 

 

 

SIEGLINDE

Don kläffte ungeduldig, während sie sich hastig anzog. Mit ihren 81 Jahren war sie nicht mehr die Schnellste, aber wie sollte das ihr dreijähriger Dackel wissen? Es war noch dämmrig draußen. Eigentlich noch nicht so hell, wie sie es sich für einen Morgenspaziergang zum Hundestrand gewünscht hätte. Aber die Natur des kleinen Vierbeiners forderte ihren Tribut.

Das Tier hatte sie sich nach dem Tod ihres geliebten Alfred zugelegt, wie es viele ältere Witwen so tun. „Das ist doch nicht vernünftig!“ hatte sich ihre Freundin Margarethe entrüstet, als diese von ihrer Idee erfuhr. Doch vernünftig, allzu vernünftig war Sieglinde ihr ganzes langes Leben an der Seite ihres treuen, aber langweiligen, pensionierten Schuhverkäufermannes gewesen. Vielleicht war es gerade die Wortwahl ihrer Freundin gewesen, die ihre letzten eigenen Zweifel hatte beiseite wischen lassen. Tags darauf hatte sie den lieben kleinen Don aus dem Tierheim geholt und ihm ein neues Zuhause geschenkt.

Don war eine vernünftige Entscheidung. Aber Don selbst war ein junger Verrückter und alles andere als vernünftig. Anders als Alfred. Ganz anders. Genau genommen das ziemliche Gegenteil. Daran musste sie sich erst noch gewöhnen. Alfred wäre es niemals eingefallen, sie so ungestüm am Morgen aus dem Haus zu treiben. Nicht im Alltag und auch nicht in diesem Urlaub. Und erst recht nicht in diesen Sturm.

 

 

HANS

Sein Blick haftete bereits seit einer ganzen Weile an der überdimensionalen Panoramascheibe des Hotelrestaurants. Genauer gesagt: an dem unbändigen Wellenspiel des Meeres dahinter, gerade einmal hundert Meter von ihm und der glatten weißen Fläche des edlen Damasts auf dem Tisch, an dem er saß, entfernt. Größer konnte der Kontrast kaum sein. Eine unaufdringliche Hintergrundmusik, das leise Gemurmel einiger weniger Gäste, ganz selten nur ein gedämpftes Klirren von Gläsern und Geschirr. Entspannte Frühstückszeit im Strandhotel. Und draußen tobte ein erster Frühjahrssturm, wild entschlossen, seine Böen zum Orkan werden zu lassen. Gewaltige Gischtfontänen sprühten hoch über die Außenmauern des Yachthafens. Die spärlich verteilten Boote schaukelten mehr als beunruhigt auf und ab. Wer so verrückt war, dennoch einen morgendlichen Spaziergang am Strand zu wagen, wurde von einem eisigen Ostwind erbarmungslos ausgepeitscht.

Hoteldirektor Hans Ludwig Petersen war sich nicht sicher, wo er besser hinpasste. Nach drinnen oder draußen. Emotional betrachtet.

Er wandte den Blick vom Fenster ab, als ihn jemand vom Personal ansprach und ihm ein Mobiltelefon reichte. „Entschuldigen Sie, Herr Petersen! Er sagte, sie hätten ihn zu erreichen versucht und über die Mailbox um sofortigen Rückruf gebeten.“ „Wer ist es?“, fragte Petersen knurrend. „Ein Herr Möller.“ antwortete die Servicekraft, übergab das Telefon und entfernte sich rasch.

„Hans, altes Haus! Wie geht’s Dir bei den Ossis?“ dröhnte es lautstark aus dem Handy. Petersen blickte sich erschrocken um und beruhigte sich sogleich etwas, da offenbar niemand Möllers Ansprache mitbekommen hatte. Dann schaltete er die Lautsprecherfunktion aus. Dieser Idiot von Kellner!

 

 

 

HANNA

„Well, Ladies and Gentlemen, lesen Sie zu unsere next lesson Plinius den Jüngeren. Seine Schilderungen vom Ausbruch des Vesuv im Year seventy-nine sind very impressive, ehh … sehr … beeindruckend. Sie werden sehen. Thank you!“ Hätten nach diesen abschließenden Worten ihres Gastprofessors Dr. Baker nicht alle Studierenden im Hörsaal lautstark auf ihre Holztischchen geklopft, wäre das Ende dieser Vorlesung glatt an ihr vorbeigegangen. Es war ohnehin nicht leicht gewesen, dem zwischen breitem Südstaatenakzent und leidlich gutem Deutsch wechselnden Vortrag des sympathischen Kahlkopfs zu folgen. Aber das war nicht der Grund ihrer mangelnden Konzentration.

Sie liebte ihr Studium der Geophysik. Den NC von 2,9 hatte sie um 0,8 unterboten und nach drei Jahren mühelos einen Einser-Bachelor geschafft. Im Grundstudium war sie lange unschlüssig gewesen, ob sie die Fachrichtung Ozeanographie einschlagen sollte. Denn sie liebte das Meer. So, wie man es als Urlauber eben liebt. Sonne, Strand, Brandungsrauschen. Doch die wahre Natur des Wassers hatte sie dann bei verschiedenen Exkursionen kennen und fürchten gelernt. Sie war zuvor nie wirklich auf hoher See gewesen. Sie wurde jedes Mal seekrank, was ihre Dozenten und Kommilitonen entweder mit Schmunzeln oder mit ungläubigem Kopfschütteln quittierten. So oder so: so machte man in Ozeanographie keine Karriere. Aber mit der Zeit entdeckte sie ihre Bestimmung. Und zu Beginn ihres Masterstudiums hatte sie ihr berufliches Ziel glasklar vor Augen: sie würde Vulkanologin werden. Und obendrein für eine frisch gebackene Studienabsolventin sogar eine mit einem ansehnlichen Startkapital. Genug für ihr erstes selbst finanziertes Forschungsprojekt.

Obwohl dieser morgendliche Vortrag von niemand Geringerem als Prof. Dr. Matthew Baker, einem der anerkanntesten Vulkanologen der Welt, gehalten wurde und über ihr Lieblingsthema ging, war sie nicht bei der Sache. Sie notierte sich: „Plinius der Jüngere“. Den hatte sie natürlich längst gelesen. Seine detaillierte Beschreibung vom Ausbruch des Vesuvs im Jahre 79 nach Christus. Das war lange her. Ebenso lange schien es ihr her, dass sie ihn gesehen hatte. Und ebenso vernichtend wie die wohl berühmteste Naturkatastrophe aller Zeiten erschienen ihr die Auswirkungen seines Umzugs in eine andere Stadt. Ja, der Himmel über Hamburg war seitdem dunkler geworden. So wie damals über Pompeji.

 

 

Kapitel 2

Fortsetzung folgt…

 

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